Murales- Geschichte auf Häuserwänden

Kein anderer Ort ist mehr verbunden mit dem Begriff  Murales wie Orgosolo. Im Prinzip liegt dort die Wiege der Wandmalerei, den Murales in Sardinien. Orgosolo liegt  unweit von Nuoro, hat ca. 4500 Einwohner und liegt wie in einem Amphitheather am Bergrücken des Supramonte, wenn man aus der Ferne auf diesen Ort schaut, z.B. vom Ortobene, dem Hausberg Nuoros aus.

Schon an der Ortseinfahrt wird man von einem Steinmurales empfangen.

Orgosolo wird auch heute noch gerne als ein berüchtigtes , gefährliches Banditendorf bezeichnet, was in meinen Augen purer Quatsch ist. Vielleicht soll dieser Lokalkolorit die Touristen anziehen, die dann mit wohligem Schauer  aus ihren Bussen entlassen durch die Hauptstraße marschieren und um jede Ecke linsen, ob ihnen nicht vielleicht ein Bösewicht auflauert, der es auf ihre an die Brust gepresste Börse abgesehen hat.

Geschichtlich gesehen ist natürlich etwas dran an dem Begriff Banditendorf. Orgosolo hat zahlreiche Familienkriege mit Dutzenden von Opfern überstehen müssen. Irgendwie ging es immer um die Wehrhaftigkeit gegenüber Großgrundbesitzern, Viehdiebstähle, Landdiebstähle, Verordnungen von der fernen Regierung in Rom, Ehrenmorde , Raubmorde, Entführungen mit Lösegeldforderungen, die sogenannte Vendetta. Einige sehr berühmte “Banditen” sind damals unterwegs gewesen. Die letzten Morde werden um die Jahre 2007-2008 datiert.

Das alles muss aber den Besucher des Ortes nicht in Angst und Schrecken versetzen. Klar, passieren kann immer etwas, aber auch überall.

Viel schöner sind die Murales anzuschauen, die Orgosolo im positiven Sinne berühmt machen. Man sollte sich schon einige Stunden Zeit nehmen, um diese in aller Ruhe zu betrachten, vor allem auch abseits der Hauptstraße, die mitten durch das Dorf führt. Es bedarf ein bisschen der Kondition, denn es geht immer rauf und runter.

 

Dazwischen kann man sich aber an einigen Bars wieder erholen. Ich habe mir sagen lassen, dass in der Saison dort der Teufel los sein soll, also ist es vielleicht ratsam, abseits dieser Zeit zu kommen. Fast in jeder ausgeschriebenen Sardinienreise steht inzwischen Orgosolo auf dem Programm und daher kein Wunder, dass sich die Busse vieler verschiedener Herkunftsorte vor dem Ort türmen.

Jetzt aber endlich zu den Murales. Die allerersten entstanden schon 1968 im Zuge der  ’68-Bewegung, ausgeführt von einer  politischen Theatergruppe aus Mailand. Irgendwie war dann aber auch gleich wieder Schluss damit und erst 1975 im Zuge der Feierlichkeiten zum 30. Jahrestag der Befreiung vom Faschismus lebten die Murales wieder auf. Ganz zu Beginn standen Flugblätter, die von Lehrern und Schülern der örtlichen Mittelschule gemalt  und an die Häuserwände gepappt wurden. Federführend war hierbei Franceso Del Casino, der aus den Flugblättern heraus, die schnell kaputt gingen, dann die Wandmalereien ins Leben rief.

Inhaltlich beschäftigten sich die Murales fortan mit politischen Themen, einerseits die ganze Welt betreffend, andererseits örtliche Missstände anprangernd. Besonders schön finde ich, dass auch immer wieder die Schüler mit einbezogen werden und Wände gestalten können.

Ich habe mir im Fotoladen des Fotographen Kikinu ein wunderbares kleines Bildbändchen gekauft, in dem fast alle Murales und deren Künstler enthalten sind. Ihr findet ihn auf dem Corso Repubblica 244.

Natürlich wird auch in Orgosolo mit den Murales ein wunderbares Geschäftchen betrieben. Postkarten, Poster, Tassen , alles ist zu haben als Souvenir. Aber wer will es ihnen missgönnen. Und wer mit der Busgruppe kommt, darf natürlich noch in den entsprechenden Läden “original” Mirto aus Orgosolo verkosten, der aber von Carta aus Zeddiani kommt, also immer schön aufs Kleingedruckte des Etikettes schauen.

Von Orgosolo und San Sperate , einem Ort im Süden Sardiniens, ausgehend , verbreiten sich in den letzten Jahren die Murales in ganz Sardinien geradezu inflationär. Manch einen stört das, sieht er doch die politische Intention in die Tonne gekloppt, andere erfreuen sich an den schönen, bunten Wandgemälden, die viele Dorfstraßen schmücken mit Szenen aus der Landwirtschaft, den Hirten, dem  örtlichen Handwerk , dem Dorfalltag, Szenen  von Festen und Trachten oder besondere Naturmotive. Ich kann inzwischen gar nicht mehr sagen, wo es die schönsten gibt. Also fahrt mit offenen Augen durch die Dörfer oder besser noch steigt aus und geht zu Fuß, ihr werdet nicht enttäuscht sein.

Übrigens findet man in Orgosolo noch die  cantine di Orgosolo , wo man diverse sehr gute Weine kaufen kann. Ich habe mir von Kennern sagen lassen, das besonders der Urulu sehr gut sein soll.

http://www.cantinediorgosolo.it/cannonau/

 

Hier noch ein Link zu Fotos in der gesamten Auflösung: https://unsplash.com/collections/8925878/sardinien-murales

 

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