Santa Vittoria di Serri – eine Art Olympia?

Wir waren von Laconi  her kommend auf der SS  128 unterwegs in Richtung Gergei und nutzten die Gelegenheit, die an der Abbruchkante der Giara di Serri liegende Ausgrabungsstätte Santa Vittoria zu besichtigen. Die Lage da oben mit weitem Ausblick Richtung Süden in die Ebene ist traumhaft, ruhig und im Sommer bei großer Hitze sicherlich mit einem angenehmen Lüftchen verbunden. Als wir dort waren regnete es, das Lüftchen war eher stürmisch und kalt, es war Mitte März 2015.

Am Eingangshäuschen bezahlten wir unser Ticket, bekamen ein Infoblatt über die Lage der verschiedenen archäologischen Stellen und Bauten in die Hand gedrückt und durften alleine losziehen. Wir liefen ein Stück  und standen dann an der Abbruchkante der Serri- Hochfläche um uns herum die verschiedenen Anlagen, inklusive einer kleinen Kirche, die zwar namensgebend ist, der jetzt aber nicht unser Hauptinteresse galt.

Was unterscheidet nun dieser Ort von den anderen Orten aus nuraghischer Zeit? Es gibt nicht die typischen Nuraghenkomplexe mit ihren Türmen und Ringmauern gegen Feinde, was darauf hindeutet, dass es kein Ort war, der vor kriegerischen Vereinnahmungen geschützt werden musste. Es handelte sich vielmehr um einen Art von Kultort, an dem sich verschiedene Stämme trafen, um ihren Kulten zu huldigen, Opfer  darzubringen, Handel zu treiben und sportliche Wettkämpfe auszutragen. Daher auch die Anknüpfung an den Begriff Olympia.

Viele Funde und Ausgrabungen  unterstützen diese These des friedlichen Ortes. Unter diesen Ausgrabungen, die schon im Jahre 1909 begannen, finden sich die von überall her bekannten Rundhütten, in denen sich das ganz normale Leben abspielte und die über das Gelände verteilt sind.

 

Ich will aber auf zwei ganz besondere Stellen hinweisen, die nämlich dem sakralen Bereich zuzuordnen  und durch eine Mauer vom übrigen Gelände abgetrennt worden sind. Die Zeit wird auf das 13.- 8. Jahrhundert vor Christus datiert.

Dazu gehört der Brunnentempel oder Pozzo Sacro.

Aus Basaltquadern wurde er erbaut und 13 Stufen führen hinab zum Brunnen, der nur durch Regenwasser gespeist wurde. Die Anlage gleicht im Grundriss denen der anderen Brunnenheiligtümer auf Sardinien, wie etwa dem bekannten Pozzo Sacro von Santa Christina.

Umringt und geschützt wurde der heilige Brunnenbezirk  durch einen Mauerring. Über dem Brunnen war ein Kraggewölbe, von dem aber nur ein paar Steine außenrum sichtbar sind. Besonders, dass es zweifarbig war, einmal die schwarzen Basaltquader, dann Funde von hellem Kalkstein. Vor dem Brunnen war ein Vorraum, der mit Bänken an den Seiten ausgestaltet war. Da konnten die Pilger Platz nehmen und ihre Opfergaben darbringen. Darunter befanden sich auch die bekannten Bronzettifiguren, die jetzt im Nationalmuseum in Cagliari zu besichtigen sind. Interessant auch, dass dieser Vorraum eine Abflussrinne hatte, die vom Brunnen wegleitete. Daraus und auch aus Knochenfunden schloss man, dass auch lebendige Opfergaben dargebracht wurden und mittels der Abflussrinne der Brunnen  nicht verunreinigt werden sollte. So genau möchte ich mir das allerdings jetzt nicht vorstellen, aber so waren sie halt damals.

Die zweite Besonderheit ist der Recinto delle Feste.

Schon der Name weist auf seine Nutzung hin. Der elliptische Mauerring mit einer Ausdehnung von 50m x 75m bildete den Festplatz, den Ort, wo auch die Wettspiele stattfanden. Dort versammelten sich auch die aus der Ferne angereisten Pilger, schliefen dort in Pilgerhäuschen, ähnlich den heutigen Cumbessias. Genau diese Cumbessias findet man noch heute an den bekannten Wallfahrtskirchen der christlichen Zeit, etwa am Santuario di San Mauro. Das weist darauf hin, dass aus solchen Kultstätten aus der nuraghischen Zeit christliche Wallfahrtsorte wurden.

Weiter fand man in diesem Mauerring eine Cucina, eine Herdstelle, Reste von wohl überdachten Laubengängen, Wandnischen mit Becken, Rundhütten mit Bänken und Sitzen. Also alles in allem einen gut ausgebauten und geplanten Festplatz, wo sich die Abordnungen der verschiedenen Stämme gegenseitig beschnuppern und messen konnten ohne sich gleich die Gurgel durchzuschneiden.

Man findet noch weitere Reste von Gebäuden in diesem Tempelbezirk auf dem Sporn mit Aussicht, so einen Versammlungsraum mit umlaufender Sitzbank und eine größere Rundhütte, die man einem Aufseher zuordnete.

Macht euch einfach selbst ein Bild von dieser schönen Stätte hoch oben auf der Giara di Serri. Ich weiß, man braucht immer reichlich Phantasie, sich die Gebäude, wie sie mal waren vorzustellen, wenn nur noch ein paar Mauerreste zu sehen sind. Und sucht euch einen Tag aus, an dem es nicht regnet.

Da stöbert man nämlich ungleich gerne und länger dort herum, wie wir es taten.

 

Garmin GPS Daten vom Parkplatz: N39° 42.891′ E9° 06.420′

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